Die Salztangente Vreden-Ostendarp

Wo nichts ist, da muss was hin!

Horror vacui (lat. „Die Abscheu vor der Leere“) ist eine uralte Vorstellung davon, dass die Natur keine Leere duldet, ja sogar vor leeren Räumen zurückschreckt. Schon Aristoteles vertrat die Auffassung, dass der Kosmos – stets um eine „natürliche“ Ausgewogenheit bemüht . selbst dafür sorge, dass jeder Ort mit Materie ausgefüllt würde. Auch die heute noch häufig zu beobachtende Neigung mancher Menschen, leere Räume unbedingt füllen zu müssen, wird in der Psychiatrie mit einem horror vacui, einer wahrhaft Fred’schen Zwangsneurose („Angst vor dem Nichts“), begründet.

So wie manche Künstler (etwa Jean Dubuffet, Adolf Wolfli, David Carson oder Robert Crumb) bemüht sind, leere Räume (des Papiers oder der Leinwand) mit irgend etwas zuzuzeichnen oder zuzumalen, nicht allein mit Farbe, sondern mit nie enden wollenden Details, Figuren, Umrissen, Linien und schier allen, was ihre Phantasie hervorbringt, so werden die Leerräume der Landschaft – sowohl die sichtbaren, oberirdischen, als auch die unsichtbaren, unterirdischen – ebenfalls mit allem gefüllt, was die Phantasie eines Architekten, Landschaftsplaners oder Tiefbauingenieurs zu ersinnen vermag.

Besonders anfällig sind in diesem Zusammenhang alle Arten von Löchern, die als „Vacuum“ im Zuge der Ausbeutung von sogenannten Bodenschätzen (Kohle, Erze, Lehm, Mergel, Kies, Sand oder – im vorliegenden Fall – Salz) entstanden sind. Diese scheinen auf den Menschen einen unheimlichen Einfluss auszuüben, denn sobald sie als Rohstoffquelle versiegen, verfüllt er sie normalerweise mit allem, was in seinen Augen am besten für immer verschwinden sollte: Pest- und Kriegstote, Haus- und Industriemüll und neuerdings auch radioaktiver Abfall. Eine Ausnahme sind die Salzkavernen in Grona-Epe, die – im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Raum Lüchow-Dannenberg – mit Stoffen (Erdgas) verfüllt werden, die der Menschheit nützen. Eine rühmliche Ausnahme.

Nicht das Loch stellt heutzutage die Gefahr dar, sondern das, was man dorthin verbannt hat. Anstelle einer „Angst vor der Leere“ macht sich in zunehmendem Maße eine „Angst vor der Füllung“ breit.

Dr. Timothy Sodmann, Landeskundliches Institut Westmünsterland, Vreden


Franz John

1960
Geboren in Markleugast bei Bayreuth; lebt in Berlin.
  
  
1978–1984
Studium »Visuelle Kommunikation«, Würzburg.
1980
Aufenthalt in Italien / Assistenz in »Arte Povera« Ateliers in Turin.
1996
»Artist in Residence« im Headlands Center for the Arts, San Francisco: Projekt Military Eyes in den Bunkeranlagen am Golden Gate.
1999–2000
CD-ROM »interzone« - Eine interaktive Zeitreise durch die Berliner Grenzanlage.
2001/2003
Visiting Faculty, Ohio State University - Department of Art, USA.
2003
Gastlehrauftrag, Universität Paderborn, FB Medienwissenschaften.
2006
Visiting Artist, University of Michigan - School of Art & Design, USA.
2006/2007
Aufenthaltsstipendium, Künstlerdorf Schöppingen, D.
2007
Visiting Faculty, University of Michigan - School of Art & Design, USA.
2008
Visiting Artist, Auckland University of Technology (AUT), Auckland, NZ.
2012/2013
Stipendium, Künstlerdorf Schöppingen, Schöppingen, D.
2013/2014
Gastdozent, Carl v. Ossietzky Universität Oldenburg (Institut f. Kunst & visuelle Kultur).
  
  
  
  

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Ort
Vreden
Vreden
Künstler
Franz John
Jahr
2004
Maße
Gesamtstecke 80 km, 8 Stabfelder unterschiedlicher Ausdehnung von 30 bis 500 Metern je nach topografischer Situation, Höhe 1 – 5 m.
Material
Edelstahl, verzinkt, ultramarinblau bis grau lackiert