Le temps déployé
Anamorphosen sind Kunstwerke, die ihre wahre Absicht dem Betrachter nur von einem bestimmten Standort aus enthüllen. Insofern konnten sie erst mit der Entwicklung perspektivischer Konstruktionen, insbesondere der Zentralperspektive, in der Renaissance entstehen. Es ist also folgerichtig, dass dieses Werk, das eine Umsetzung des Prinzips der Anamorphose in die zeitgenössische Kunst darstellt, vor dem Renaissance-Schloss Brake errichtet wurde, welches das Weserrenaissance-Museum beherbergt.
Die Skulptur, die aus jeder Richtung anders wirkt, wie eine willkürliche Anordnung von Metallstreben im Raum, schließt sich von einem bestimmten, genau berechneten Betrachterstandpunkt aus zu einer dreidimensionalen geometrischen Form zusammen. Es ist ein aus zwölf regelmäßigen Fünfecken bestehendes Dodekaeder, einer der fünf platonischen Körper, die ebenfalls von Künstlern der Renaissance im Zuge ihrer Perspektivstudien gern dargestellt wurden (z. B. Dürer, Melencolia I, 1514, enthält ein ähnliches Polyeder). Möglicherweise sind es diese historischen Bezüge, die zur Namensgebung des Kunstwerkes „Le temps déployé“ („Die entfaltete Zeit“) beigetragen haben.
Yves Charnay
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Lemgo, Schlossstraße 18 (Wassergraben Schloss Brake)


