Das gegenläufige Konzert

Mit ihrer Installation im Zwinger richtete Rebecca Horn den Blick auf eines der historisch interessantesten Bauwerke Münsters, das zu dem Zeitpunkt 1987 dennoch in Vergessenheit geraten war. 1528–1536 wurde der Wehrturm anstelle eines Vorgängerbaus als Teil der städtischen Befestigungsanlage errichtet. Im 17. Jahrhundert diente er als Rossmühle und Pulverlager. 1732 wurde das Bauwerk nach Plänen Johann Conrad Schlauns zum Gefängnis umgebaut, dessen Zellen einen kreisförmigen Lichthof  umgaben.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts löste man das Gefängnis auf und 1911 erwarb die Stadt das bereits denkmalgeschützte Gebäude, in dem zunächst Notwohnungen eingerichtet wurden. 1938 wurde der Zwinger in einem feierlichen Akt der Hitlerjugend übergeben, bis in den letzten Kriegsjahren die Gestapo einzog. Im engen Lichthof wurden polnische und russische Kriegsgefangene hingerichtet. Gegen Kriegsende zerstörten Bomben das Dach und den Innenhof, woraufhin das Gebäude seine praktische Funktion verlor und städtischerseits von außen verschlossen wurde. Das Innere blieb jedoch der Witterung ausgesetzt, so dass sich hier langsam ein natürliches Wachstum einstellen konnte.
Rebecca Horn entdeckte diesen Ort neu und öffnete ihn für die interessierte Öffentlichkeit, indem sie hier eine atmosphärisch dichte Installation schuf, die die gesamte wechselhafte Geschichte des Bauwerkes spiegelt. Nach dem Betreten des feuchten, dunklen Inneren, das nur von flackernden Lichtern schwach erhellt ist, hört der Besucher Klopflaute in versetzten Rhythmen. Sie werden von kleinen Stahlhämmern erzeugt, die an den Wänden und Decken der Zellen und Gänge befestigt sind. Hat man das Obergeschoss erreicht, wird der Blick in den bewachsenen Innenhof frei. Zwischen den Bäumen hängt ein großer Glastrichter, aus dem alle zwanzig Sekunden ein Tropfen Wasser in den unteren Metalltrichter fällt, der dem Hämmern einen gegenläufigen Takt vorzugeben scheint. Ergänzt wurde die Szenerie durch ein Schlangenpärchen in einem Glasterrarium und ein auf zwei Stäben ausbalancierten Gänseei.
Die Gesamtinstallation lässt zahlreiche Assoziationen zu, die durch das Bewusstsein um die Geschichte des Ortes noch geschärft werden. Vor allem aber entsteht eine Atmosphäre, die Ambivalenzen aus Faszination und Grauen, Leben und Tod, Kunst und Natur, Geschichte und Gegenwart eindringlich emotional erfahrbar macht. Die Installation entstand anlässlich der Skulptur-Projekte 1987 und wurde anlässlich der folgenden Schau 1997 im Auftrag der Stadt Münster mit einigen Veränderungen neu installiert.
Nach der Restaurierung des Zwingers und der Überarbeitung des Kunstwerks wurde die Ruine 1997 zu einem Mahnmal für die Opfer der Gewalt. Seit 1998 ist der Zwinger als Außenstelle des Stadtmuseums Münster der Öffentlichkeit zugänglich.
Achtung: Nur nach vorheriger Anmeldung beim Stadtmuseum Münster oder im Rahmen von Führungen zu besichtigen.

Literaturhinweise:
Rebecca Horn: Der Zwinger in Münster, Köln 2003.
Skulptur-Projekte 1987 in Münster, hg. von Klaus Bußmann und Kasper König, Köln 1987, S. 133–136.
Skulptur-Projekte in Münster 1997, hg. von Klaus Bußmann, Kasper König und Florian Matzner, Ostfildern 1997, S. 218–221.
Barbara Rommé (Hg.): Der Zwinger: Bollwerk, Kunstwerk, Mahnmal. Aschendorff, Münster 2007.

Weitere Informationen: www.muenster.de/stadt/skulpturen/zr_flash.html
Besichtigung/Führungen: www.muenster.de/stadt/museum/zwinger.html


Rebecca Horn

1944
geboren in Michelstadt/Odenwald; lebt in Berlin und Paris.
1963
Studium an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg.
1971
DAAD-Stipendium an der St. Martin´s School of Art, London.
1972–1981
lebt sie in New York.
1974
Lehrtätigkeit am California Art Institute, University of San Diego.
1975
Deutscher Kritikerpreis für den Film „Berlin – Übungen in neun Stücken: Unter dem Wasser schlafen und Dinge sehen, die sich in weiter Ferne abspielen.“
1977
Kunstpreis Glockengasse, Köln.
1979
Kunstpreis der Böttcherstraße, Bremen.
1986
documenta-Preis, Kassel.
1988
Carnegie Prize auf der Carnegie International, Pittsburgh, für The Hydra Forest, Performing Oscar Wilde.
1989
Beginn der Lehrtätigkeit an der Hochschule der Künste, Berlin.
1992
Kaiserring der Stadt Goslar und Medienkunstpreis Karlsruhe.
2004
The Barnett and Annalee Newman Award, New York.
2005
Hans-Molfenter-Preis, Stuttgart.
2006
Piepenbrock Preis für Skulptur, Berlin.
2007
Alexej von Jawlensky-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden.
2009
Alice Salomon Poetik Preis, Berlin.
2010
Hessischer Kulturpreis, Wiesbaden.
2010
Premium Imperiale, Tokyo.
2011
Grande Médaille des Arts Plastiques, Académie d’Architecture de Paris.

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Ort
Münster
Münster, Zwinger, Neubrückenstraße
Künstler
Rebecca Horn
Jahr
1987
Maße
Zwinger Durchmesser 24,3 m, Plexiglastrichter Durchmesser 120 cm, Stahltrichter Durchmesser 180 cm
Material
Plexiglastrichter, Stahltrichter, 40 Stahlhämmer mit Elektromotoren, 40 Kerzen, Glasterrarium mit zwei Schlangen, Gänseei, zwei Stahlstäbe.
Objektart
Klang­installationen, Lichtinstal­lationen, kinetische Werke
#nrwskulptur